Das komische Gefühl, Recht zu bekommen… [watching Apple win the world]

Apple hat gestern Nacht (24. Januar 2012) die Quartalszahlen für das letzte Quartal vorgestellt (Q1/2012). Und wieder hat Apple seine eigenen Ziele – und sogar die kühnsten Erwartungen von Analysten und Bloggern – übertroffen. Wenige Stunden später wurden diese Zahlen berichtet, analysiert und manchmal auch charmant in Relation mit anderen Dingen gesetzt.

Doch irgendwie kam ich mir gestern zum ersten mal auch etwas komisch vor, dass mich ein Rekordgewinn von Apple tatsächlich etwas bedeutet. Vor allem als Nicolas Semak, den ich für seine Podcasts sehr schätze, einen markanten Tweet in die Welt gelassen hat…

[ich] kapiere nicht, weshalb mensch sich über Apples Gewinn(höhe) freuen sollte.

Und eigentlich hat er ja Recht. Apple ist im Grunde auch nur ein amerikanischer Technologiekonzern, der Gewinn machen will. Apple zeigt zwar immer mal wieder ein Aufblitzen von Umweltbewusstsein und Verantwortung für die Zustände in den Zulieferbetrieben. Dennoch könnte man von dem „wertvollsten Technologie-Unternehmen der Welt“, das mit seinen Produkten im Schnitt mehr als 40% Gewinnmarge erzielt doch noch etwas mehr erwarten…

Für mich liegt das Wohlgefühl bei Verkündung der Apple-Gewinne aber in den letzten zehn Jahren, was mir beim lesen des wunderbaren Artikels „watching Apple win the world“ bewusst geworden ist. Zu dessen Autor ich viele Parallelen festgestellt habe.

Ich habe vor ziemlich genau zehn Jahren Anfang 2002 meinen ersten Mac bekommen. Es war ein PowerMac G4 mit MacOS 9. Damals war ich kurz vor Ende der Ausbildung zu Mediengestalter Digital/Print. Da ich aber im Online-Bereich tätig war, hatte ich immer nur mit Windows- und Linux-Rechnern gearbeitet. Die Print-Kollegen hatte ich bis dahin immer nur belächelt über ihre teuren Rechner in bunten Gehäusen, mit nur einer Maustaste und ohne shell, mit der man Operationen am lebenden Herzen Systemkern durchführen konnte. Ich war damals ein Schrauber und Bastler und baute mir meine Rechner selbst. Nachts kompilierte ich Kernel für Webserver und war stolz darauf, dass mein Kernel 2kb weniger RAM verbrauchte als der meines Kollegen…

Doch dann musste ich mich plötzlich mit Videoschnitt beschäftigen und da irgendwer irgendwoher noch eine Final Cut Pro 3 Lizenz beschaffen konnte, wurde flugs ein Mac aus der Repro entführt und unter meinen Schreibtisch gestellt. Richtig warm geworden sind wir aber erst, als dann mein Mac auf MacOS X aktualisiert wurde. Jetzt fühlte ich mich wieder wohl. Ein Terminal erlaubte den gewohnten Zugriff auf die Server, alle Linux-Netzwerktools waren vorhanden und schick und stabil war die GUI auch noch… UNIX sei dank.

Dennoch war ich weiterhin wie ein Außenseiter. Abseits von der Repro, der DTP und Videoschnitt wurde ich in meinem Freundeskreis belächelt. Ich musste mich mit Spott und Häme auseinandersetzen. Denn Mac Nutzer waren ja die Spinner, die viel zu viel Geld für ein System ausgaben, das man mit gleicher Leistung, viel mehr Softwareauswahl und wesentlich mehr (Treiber-)kompatibler Hardware an jeder Ecke viel billiger bekommen kann.

Doch ich nahm das hin. Viel zu sehr hab ich mich mit MacOS angefreundet und die kleinen Details an PowerBook, MacBook und iMac zu schätzen gelernt. Angefangen von Details wie der „atmenden“ Kontrolleuchte, dem Magsafe Stromanschluss, der hintergrundbeleuchteten Tastatur, über den flüsterleisen Betrieb (mal abgesehen vom Ausrutscher „iMac G5“), der hochwertigen Verarbeitung bis hin zum aufgeräumten Inneren der Rechner, auch wenn das kaum jemand zu Gesicht bekommt…

Apple baute – und baut auch heute noch – die tollsten Produkte auf dem Technologiemarkt weil für Apple das Produkt als Ganzes im Vordergrund steht, und nicht der Gewinn. Und ich behaupte ganz frech, dass Apple bzw. Steve wenig Produktentscheidungen anders getroffen hätte, auch wenn der Erfolg nicht in diesem Ausmaß gekommen wäre. Der Start der Entwicklung des iPad bzw. des iPhones liegen z.B. im Jahr 2002/2003, in dem Apple immer noch nicht in Sicherheit war.

Für viele Entscheidungen und Produkte ist Apple – und damit auch meine Entscheidung die Produkte zu kaufen – oft gescholten worden. Vielleicht bin ich deshalb von Apples Erfolg so angetan; weil sie es all den Firmen gezeigt haben, die mittelmäßige, gewinnoptimierte Produkte machen, die Produktentscheidungen von der Marketingabteilung und nicht vom Entwicklungsteam treffen lassen und die einfach Ideen klauen und keinen Mut haben, etwas Neues zu wagen.